Von den Denisovanern wissen wir erstaunlich viel – und gleichzeitig fast nichts. Genetische Spuren dieser ausgestorbenen Menschengruppe finden sich heute noch bei Menschen in Asien und besonders stark in Teilen Ozeaniens. Ihre DNA verrät, dass sie sich mehrfach mit frühen modernen Menschen vermischten. Trotzdem kannten Forscher lange Zeit nur wenige eindeutig identifizierte körperliche Überreste.
Eine neue Entdeckung aus Südwestchina verändert dieses Bild deutlich.
In der Bianfu-Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan untersuchten Wissenschaftler mehr als 60.000 Knochenfragmente. Die meisten davon gehörten zu Tieren. Zwischen den unscheinbaren Bruchstücken fanden sich jedoch auch Teile menschlicher Schädelknochen und eines Unterarms.
DNA ließ sich daraus nicht mehr zuverlässig gewinnen.
Stattdessen nutzten die Forscher etwas, das wesentlich länger erhalten bleiben kann: alte Proteine.
Damit konnten sie mehrere Knochen und Zähne eindeutig den Denisovanern zuordnen. Die Überreste sind ungefähr 167.000 bis 134.000 Jahre alt und stammen aus einer Region, aus der bislang keine molekular bestätigten Denisovaner bekannt waren.
Parallel dazu untersuchte ein zweites Forschungsteam die gesamte Fundstelle. Die Ergebnisse zeigen nicht nur, wer dort lebte, sondern erstmals erstaunlich detailliert, wie Denisovaner in Südwestchina jagten, Werkzeuge herstellten und ihre Umwelt nutzten. Beide Studien erschienen im September 2026 in Nature.
Denisovaner wurden ursprünglich durch DNA entdeckt
Die Geschichte der Denisovaner ist ungewöhnlich.
Normalerweise entdecken Paläoanthropologen zunächst Fossilien und versuchen anschließend herauszufinden, zu welcher Menschenart sie gehören.
Bei den Denisovanern verlief es andersherum.
2010 analysierten Forscher DNA aus einem winzigen Fingerknochen, der in der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge in Sibirien gefunden worden war.
Das Erbgut passte weder zu modernen Menschen noch zu Neandertalern.
Damit wurde praktisch anhand eines kleinen Knochenstücks eine zuvor unbekannte Population archaischer Menschen entdeckt.
Später kamen weitere Zähne und Knochen aus derselben Höhle hinzu.
Genetische Untersuchungen zeigten außerdem, dass Denisovaner und Neandertaler eng miteinander verwandt waren. Beide Gruppen trennten sich nach der Abspaltung ihrer gemeinsamen Vorfahren von der Linie des modernen Menschen voneinander.
Doch während von Neandertalern inzwischen zahlreiche Skelette und Fundstellen bekannt sind, blieb das körperliche Erscheinungsbild der Denisovaner lange ein Rätsel.
Ihre Gene sind weiter verbreitet als ihre Fossilien
Besonders merkwürdig war dabei die geografische Verteilung.
Die ersten Denisovaner waren in Sibirien entdeckt worden.
Genetische Spuren heutiger Menschen deuten jedoch darauf hin, dass Denisovaner wesentlich weiter südlich gelebt haben müssen.
Menschen in Papua-Neuguinea, Australien und anderen Regionen Ozeaniens tragen teilweise mehrere Prozent Denisovaner-Erbgut.
Auch zahlreiche asiatische Populationen besitzen Denisovaner-DNA.
Das lässt sich kaum erklären, wenn Denisovaner ausschließlich im südlichen Sibirien gelebt hätten.
Im Laufe der vergangenen Jahre kamen deshalb weitere Fossilien hinzu.
Ein Unterkiefer vom tibetischen Plateau wurde mithilfe alter Proteine Denisovanern zugeordnet. Weitere molekular identifizierte Überreste stammen unter anderem aus dem Taiwan-Straßen-Gebiet und Nordostchina.
Doch auf der Landkarte blieb eine auffällige Lücke.
Gerade Südwestchina liegt zwischen Ostasien, dem tibetischen Hochland und Südostasien – also genau in einer Region, durch die sich Denisovaner auf ihrem Weg nach Süden bewegt haben könnten.
Die Bianfu-Höhle liegt an einer entscheidenden Stelle
Die Bianfu-Höhle befindet sich in der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas.
Yunnan liegt am südöstlichen Rand des tibetischen Plateaus und bildet geografisch eine Art Schnittstelle zwischen Ostasien, Südasien und Südostasien.
Für die Erforschung früher Menschen ist die Region deshalb besonders interessant.
Die kulturellen Ablagerungen der Höhle umfassen einen außergewöhnlich langen Zeitraum von ungefähr 190.000 bis 70.000 Jahren.
Bei Ausgrabungen wurden dort vier menschliche Zähne, 1.366 Steinwerkzeuge und mehr als 64.000 Säugetierfossilien gefunden.
Allein menschlich aussehende Zähne reichen jedoch nicht unbedingt aus, um ihre Besitzer sicher einer bestimmten Population zuzuordnen.
Archaische Menschen in Asien zeigten eine große Vielfalt an Zahnformen.
Forscher benötigten deshalb zusätzliche molekulare Hinweise.

Mehr als 60.000 Knochenstücke mussten durchsucht werden
Ein besonderes Problem bestand darin, dass viele Knochen aus der Höhle stark zerbrochen waren.
Ein kleiner Splitter eines menschlichen Unterarmknochens sieht einem ähnlich großen Tierknochen möglicherweise erstaunlich ähnlich.
Alle Fragmente direkt molekular zu untersuchen wäre technisch möglich, aber extrem aufwendig und teuer gewesen.
Die Wissenschaftler verwendeten deshalb zunächst eine Art Vorauswahl.
Mehr als 60.000 Fragmente wurden anhand ihrer Größe, Dicke und Oberflächenstruktur begutachtet.
22 Stücke erschienen dabei möglicherweise menschlichen Ursprungs.
Diese kleine Gruppe wurde anschließend mit einem Verfahren namens ZooMS genauer untersucht.
ZooMS erkennt Tiere anhand ihres Kollagens
ZooMS steht für „Zooarchaeology by Mass Spectrometry“.
Das Verfahren nutzt Kollagen.
Kollagen ist eines der wichtigsten Strukturproteine im Knochen und kann unter günstigen Bedingungen wesentlich länger erhalten bleiben als DNA.
Proteine bestehen aus Ketten von Aminosäuren.
Zwischen verschiedenen Tierarten unterscheiden sich diese Aminosäuresequenzen an bestimmten Stellen.
Bei ZooMS werden Kollagenproteine in kleinere Stücke zerlegt und anschließend mit einem Massenspektrometer analysiert.
Das Gerät misst vereinfacht gesagt die Masse dieser Proteinfragmente.
Aus dem entstehenden Muster lässt sich häufig erkennen, ob ein Knochen beispielsweise von einem Hirsch, Rind, einer Hyäne oder einem Menschen stammt.
Das Verfahren funktioniert besonders gut für große Mengen stark fragmentierter Knochen.
Genau deshalb hat es die Archäologie in den vergangenen Jahren verändert.
Ein unscheinbares Knochenstück muss nicht mehr anatomisch eindeutig erkennbar sein, um zumindest seiner biologischen Gruppe zugeordnet werden zu können.
Zwischen Tierknochen tauchten plötzlich Menschenknochen auf
Von den 22 verdächtigen Knochenfragmenten erwiesen sich mehrere als Tierknochen.
Andere konnten jedoch der Familie der Menschenartigen zugeordnet werden.
Besonders interessant waren drei Fragmente.
Zwei stammten vom Scheitelbein des Schädels.
Das dritte war ein Teil des Radius, also eines der beiden Knochen des menschlichen Unterarms.
Damit hatten die Forscher tatsächlich menschliche Knochen gefunden, die bei der ursprünglichen Ausgrabung aufgrund ihrer Fragmentierung nicht sicher als solche erkannt worden waren.
Doch ZooMS konnte zunächst nur zeigen, dass diese Knochen zu Menschen gehörten.
Ob es moderne Menschen, Neandertaler, Denisovaner oder eine andere Population waren, ließ sich damit noch nicht eindeutig bestimmen.
Dafür musste die Analyse tiefer gehen.
Proteine besitzen eine Art evolutionären Fingerabdruck
Die Wissenschaftler extrahierten deshalb weitere Proteine aus den Knochen und aus zwei der menschlichen Zähne.
Anschließend bestimmten sie Teile ihrer Aminosäuresequenzen.
Diese Sequenzen lassen sich mit Proteinen anderer Menschenformen vergleichen.
Während sich viele Proteinabschnitte bei modernen Menschen, Neandertalern und Denisovanern gleichen, existieren einzelne charakteristische Unterschiede.
Genau diese Unterschiede können wie genetische Marker verwendet werden.
Ein besonders wichtiger Hinweis fand sich in einem Kollagenprotein namens COL1A2.
Alle fünf untersuchten Fossilien besaßen dort eine Aminosäurevariante, die bislang bei sämtlichen molekular untersuchten Denisovanern nachgewiesen wurde.
Bei modernen Menschen und Neandertalern fehlt diese charakteristische Variante dagegen.
Alle fünf Fossilien passten zu Denisovanern
Die Forscher verließen sich allerdings nicht auf einen einzelnen Proteinmarker.
Sie rekonstruierten aus den erhaltenen Proteinen zusätzlich evolutionäre Stammbäume.
Dabei wurden Tausende Aminosäurepositionen miteinander verglichen.
Die Fossilien aus der Bianfu-Höhle gruppierten sich jeweils gemeinsam mit bereits bekannten Denisovanern.
Die statistische Unterstützung für diese Zuordnung war äußerst hoch.
Keine der untersuchten Proben zeigte überzeugende Proteinvarianten, die typisch für Neandertaler oder moderne Menschen gewesen wären.
Damit konnten zwei Zähne, zwei Schädelknochenfragmente und ein Stück des Unterarmknochens Denisovanern zugeordnet werden.
Zusammen mit weiteren anatomisch bestimmten Funden besitzt die Bianfu-Höhle damit eine der umfangreichsten bekannten Sammlungen von Denisovaner-Überresten außerhalb der ursprünglichen Denisova-Höhle in Sibirien.
Die Knochen sind bis zu 167.000 Jahre alt
Die entsprechenden Schichten der Höhle wurden auf ungefähr 167.000 bis 134.000 Jahre datiert.
Damit lebten Denisovaner dort während eines Abschnitts des Pleistozäns, in dem global vergleichsweise kalte klimatische Bedingungen herrschten.
Die Umgebung Südwestchinas war trotzdem nicht mit einer eiszeitlichen Tundra vergleichbar.
Pollen- und Tierfunde deuten darauf hin, dass die Region von Nadelwäldern beziehungsweise Waldsteppen geprägt war.
Dort lebten zahlreiche mittelgroße und große Pflanzenfresser.
Diese Umwelt dürfte Denisovanern ausreichend Nahrung und andere Ressourcen geboten haben.
Die Höhle könnte damit über lange Zeiträume immer wieder ein attraktiver Aufenthaltsort gewesen sein.
Die zweite Studie verrät, was die Denisovaner dort machten
Parallel zur Proteinuntersuchung analysierte ein weiteres Forscherteam die archäologischen Hinterlassenschaften der Höhle.
Dadurch entstand etwas, das bei Denisovanern bislang nur selten möglich war.
Die Wissenschaftler konnten molekular identifizierte Menschen direkt mit Werkzeugen, Tierknochen und Umweltinformationen derselben Fundstelle verbinden.
Das ermöglicht erstmals einen wesentlich detaillierteren Blick auf die Lebensweise einer Denisovaner-Population.
Die Bewohner der Höhle jagten offenbar gezielt mittelgroße und große Tiere.
Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass Tierkadaver systematisch genutzt wurden.
Fleisch, Knochen und vermutlich weitere Bestandteile dienten als Ressourcen.
Damit erscheinen Denisovaner nicht mehr nur als genetisch definierte Population, sondern zunehmend als Menschen mit einer rekonstruierbaren Lebensweise.
Ihre Steinwerkzeuge waren erstaunlich einfach
Besonders interessant sind die Steinwerkzeuge.
Wer an prähistorische Menschen denkt, verbindet technologische Entwicklung häufig mit immer komplizierteren Werkzeugen.
Die Denisovaner der Bianfu-Höhle scheinen jedoch eine andere Strategie verfolgt zu haben.
Sie stellten vergleichsweise einfache Steinwerkzeuge her.
Statt Rohmaterial aufwendig vorzubereiten und hochstandardisierte Formen zu erzeugen, wurden Kerne offenbar relativ direkt bearbeitet.
Die Forscher bezeichnen diese Strategie als „expedient“.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch primitiv oder unfähig.
Ein einfaches Werkzeug kann vollkommen ausreichend sein, wenn geeignetes Material leicht verfügbar ist und keine kompliziertere Herstellung notwendig wird.
Evolution und Technik folgen nicht zwingend dem Prinzip, dass komplizierter immer besser sein muss.

Auch unbearbeitete Knochen wurden als Werkzeuge verwendet
Ein weiterer Befund passt zu dieser pragmatischen Strategie.
Die Denisovaner verwendeten offenbar häufig Tierknochen, ohne sie vorher aufwendig in eine bestimmte Form zu bringen.
Ein Knochen besitzt von Natur aus bestimmte Eigenschaften.
Ein langer Knochen kann beispielsweise als Schlagwerkzeug dienen.
Eine scharfe Bruchkante kann schneiden oder schaben.
Statt einen Gegenstand vollständig neu herzustellen, kann ein Mensch also vorhandene Formen direkt nutzen.
Die Autoren interpretieren dies als eine Strategie, bei der die natürlichen Eigenschaften von Objekten besonders stark ausgenutzt wurden.
Das ist ein interessantes Gegenstück zur Vorstellung, technologische Intelligenz müsse sich immer durch komplexe Herstellungsschritte ausdrücken.
Manchmal besteht eine intelligente Lösung gerade darin, möglichst wenig Arbeit zu investieren.
Die Denisovaner waren offenbar erfolgreiche Jäger
Die Tierfunde zeigen außerdem, dass die Bewohner nicht einfach zufällig Aas oder kleine Tiere nutzten.
Die Zusammensetzung der Überreste spricht für eine spezialisierte Nutzung mittelgroßer und großer Beutetiere.
Das ist relevant, weil sich daraus Rückschlüsse auf Organisation und Verhalten ziehen lassen.
Große Tiere zu jagen ist erheblich schwieriger als kleine Beute einzusammeln.
Es erfordert Planung, geeignete Waffen oder Strategien und möglicherweise Zusammenarbeit mehrerer Personen.
Die archäologischen Daten können jedoch nicht zeigen, wie genau eine Jagd ablief.
Auch die Größe der beteiligten Gruppen lässt sich daraus nicht bestimmen.
Trotzdem widerspricht der Befund dem Bild einer Bevölkerung, die lediglich opportunistisch verwertete, was zufällig verfügbar war.
Der Unterarmknochen liefert erstmals neue Informationen über ihren Körper
Besonders wertvoll ist der gefundene Radius.
Viele bisher sicher identifizierte Denisovaner-Fossilien bestehen aus Zähnen, Teilen des Schädels oder Kieferknochen.
Lange Knochen des Körpers sind extrem selten.
Der Radius aus der Bianfu-Höhle ermöglicht deshalb erstmals zusätzliche Aussagen über den Körperbau der Denisovaner.
Die Forscher konnten das Fragment virtuell rekonstruieren und seine Form mit entsprechenden Knochen moderner Menschen und anderer archaischer Menschen vergleichen.
Ein einzelner Knochen reicht allerdings nicht aus, um Größe, Gewicht oder gesamten Körperbau einer Population zuverlässig zu bestimmen.
Je mehr solcher postcranialen Fossilien künftig gefunden werden, desto genauer lässt sich rekonstruieren, wie Denisovaner tatsächlich aussahen.
Proteine können überleben, wenn DNA längst verschwunden ist
Für die Paläoanthropologie ist möglicherweise nicht einmal der einzelne Fund die wichtigste Erkenntnis.
Mindestens ebenso bedeutend ist die Methode.
Alte DNA hat die Erforschung der menschlichen Evolution revolutioniert.
Doch DNA ist empfindlich.
Nach dem Tod eines Organismus zerfällt sie kontinuierlich.
Wärme und Feuchtigkeit beschleunigen diesen Prozess.
Deshalb stammen besonders alte und gut erhaltene Genome häufig aus kalten Regionen.
Südostasien und viele Teile Südchinas bieten dagegen schlechte Bedingungen für DNA-Erhaltung.
Genau dort wäre die Forschung aber besonders wichtig, weil frühe Menschen diese Regionen intensiv besiedelten.
Proteine können wesentlich stabiler sein.
Vor allem Kollagen im Knochen und bestimmte Proteine im Zahnschmelz überdauern unter Umständen Hunderttausende oder sogar Millionen Jahre.
Palaeoproteomik öffnet deshalb ein zeitliches und geografisches Fenster, das DNA allein nicht bieten kann.
Protein ist trotzdem kein vollständiger Ersatz für DNA
Die Methode hat allerdings Grenzen.
DNA enthält enorme Mengen biologischer Information.
Aus einem ausreichend guten alten Genom lässt sich beispielsweise abschätzen, wie eng zwei Individuen miteinander verwandt waren, wie groß eine Population war oder wann sich verschiedene Gruppen voneinander trennten.
Proteine liefern wesentlich weniger Information.
Von den ungefähr 20.000 Genen des Menschen werden zwar zahlreiche Proteine erzeugt, in alten Knochen bleiben jedoch nur einige davon ausreichend gut erhalten.
Noch wichtiger ist, dass viele genetische Veränderungen die Aminosäuresequenz eines Proteins gar nicht verändern.
Zwei Menschen können deshalb deutliche Unterschiede in ihrer DNA besitzen und trotzdem an einer bestimmten Stelle dasselbe Protein erzeugen.
Palaeoproteomik eignet sich hervorragend zur groben evolutionären Zuordnung.
Für eine detaillierte Populationsgeschichte bleibt gut erhaltene DNA wesentlich aussagekräftiger.
Auch die Autoren der Bianfu-Studien betonen deshalb, dass zukünftige DNA-Funde aus dieser Region besonders wertvoll wären.
Vielleicht gab es nicht die eine Denisovaner-Population
Genetische Daten heutiger Menschen liefern noch einen weiteren Hinweis.
Die Denisovaner, mit denen sich Vorfahren heutiger Menschen vermischten, waren vermutlich keine einheitliche Population.
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass moderne Menschen zu unterschiedlichen Zeiten auf genetisch voneinander verschiedene Denisovaner-Gruppen trafen.
Einige dieser Begegnungen könnten in Ostasien stattgefunden haben.
Andere möglicherweise deutlich weiter südlich.
Die Menschen aus der Bianfu-Höhle könnten zu einer solchen südlicheren Population gehört haben.
Mit den derzeit vorhandenen Proteindaten lässt sich das allerdings nicht feststellen.
Dafür wären DNA-Sequenzen notwendig.
Bislang können die Forscher sicher sagen, dass es Denisovaner waren.
Welche Denisovaner es genau waren, bleibt offen.
Yunnan könnte eine wichtige Wanderroute gewesen sein
Die geografische Lage der Fundstelle macht diese Frage besonders spannend.
Yunnan verbindet mehrere große Regionen Asiens miteinander.
Nördlich liegt das tibetische Hochland.
Östlich erstreckt sich China.
Westlich befinden sich Gebiete, die nach Südasien führen.
Nach Süden öffnet sich der Weg in Richtung Südostasien.
Wenn Denisovaner über viele Jahrtausende große Teile Asiens bewohnten, könnte diese Region ein bedeutender Wanderkorridor gewesen sein.
Die neuen Fossilien schließen damit nicht nur einen Punkt auf einer Landkarte.
Sie verbinden bislang voneinander getrennte Fundregionen zu einem plausibleren geografischen Gesamtbild.
Denisovaner lebten offenbar von Sibirien über Nordostchina und das tibetische Plateau bis weit in den Südwesten Chinas.
Sie konnten sehr unterschiedliche Lebensräume besiedeln
Damit verändert sich auch unsere Vorstellung von der ökologischen Anpassungsfähigkeit der Denisovaner.
Die Denisova-Höhle liegt in einer kalten Region Sibiriens.
Auf dem tibetischen Plateau mussten Menschen mit großer Höhe, niedrigen Temperaturen und geringem Sauerstoffgehalt zurechtkommen.
Yunnan bietet wiederum deutlich andere Lebensbedingungen.
Denisovaner waren demnach offenbar keine Population, die auf einen einzigen Lebensraum spezialisiert war.
Sie konnten sehr unterschiedliche Ökosysteme besiedeln.
Das passt wiederum zu genetischen Erkenntnissen.
Einige Varianten, die moderne Menschen von Denisovanern geerbt haben, besitzen bis heute biologische Bedeutung.
Das bekannteste Beispiel ist eine Genvariante in der Region des Gens EPAS1, die bei Tibetern mit einer besseren Anpassung an große Höhen verbunden ist.
Die Geschichte der Denisovaner ist damit nicht nur die Geschichte einer ausgestorbenen Menschengruppe.
Ein kleiner Teil ihrer Anpassungen lebt in heutigen Menschen weiter.
Vielleicht liegen noch Tausende Denisovaner in Museumskisten
Der vielleicht spannendste Gedanke der neuen Studie betrifft Fossilien, die längst ausgegraben wurden.
Weltweit lagern in Museen und Forschungssammlungen riesige Mengen unscheinbarer Knochenfragmente.
Viele davon lassen sich anatomisch keiner Art zuordnen und wurden deshalb möglicherweise als wenig informative Tierknochen katalogisiert.
Die Bianfu-Höhle zeigt, dass sich unter solchen Fragmenten Überreste früher Menschen verstecken können.
Das entscheidende Fossil muss nicht wie ein menschlicher Schädel aussehen.
Ein wenige Zentimeter großes Stück Knochen kann ausreichen.
Mit ZooMS lassen sich große Sammlungen vergleichsweise schnell durchsuchen.
Anschließend kann eine detaillierte Proteinanalyse diejenigen Fragmente identifizieren, die besonders interessant sind.
Dadurch entsteht eine völlig neue Möglichkeit, alte Ausgrabungen noch einmal zu untersuchen.

Die nächste große Entdeckung muss nicht ausgegraben werden
In der Archäologie verbindet man neue Entdeckungen häufig mit neuen Ausgrabungen.
Doch moderne molekulare Methoden verändern diese Vorstellung.
Manchmal muss kein neuer Fundort entdeckt werden.
Man muss lediglich vorhandenes Material mit einer neuen Methode betrachten.
Mehr als 60.000 Knochenfragmente aus der Bianfu-Höhle wirkten zunächst wie eine enorme Menge überwiegend zoologischen Materials.
Am Ende reichten wenige davon, um eine wichtige Lücke in der Geschichte der Denisovaner zu schließen.
Das zeigt, wie stark sich Paläoanthropologie verändert hat.
Früher musste ein Fossil genügend charakteristische anatomische Merkmale besitzen, damit seine Herkunft erkannt werden konnte.
Heute können winzige Proteinreste in einem unscheinbaren Knochenstück Informationen bewahren, die seit mehr als 100.000 Jahren darin eingeschlossen sind.
Aus einer genetischen Geisterpopulation werden langsam echte Menschen
Noch vor wenigen Jahren waren Denisovaner vor allem eine genetische Größe.
Man wusste, dass sie existiert hatten, weil ihre DNA gefunden worden war und weil ein Teil davon bis heute in modernen Menschen weiterlebt.
Wie sie aussahen, wo sie überall lebten und wie sie ihren Alltag organisierten, blieb dagegen weitgehend unbekannt.
Mit jeder neuen Fundstelle verändert sich dieses Bild.
Die Bianfu-Höhle zeigt Denisovaner in einem bewaldeten Lebensraum Südwestchinas.
Sie jagten große Tiere, nutzten Stein und Knochen pragmatisch als Werkzeuge und lebten dort möglicherweise über sehr lange Zeiträume.
Und wir wissen, dass es tatsächlich Denisovaner waren, weil Moleküle in ihren Knochen mehr als 130.000 Jahre überdauert haben.
Die neuen Studien schließen damit eine bemerkenswerte Lücke.
Aus einer Menschengruppe, die ursprünglich allein durch DNA entdeckt wurde, werden Stück für Stück Menschen, deren Körper, Lebensräume und Verhalten wir rekonstruieren können. Mehr dazu finden Sie hier.
