Was drei Monate Sport im Gehirn verändern – und was nicht auf sciblog.at
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Was drei Monate Sport im Gehirn verändern – und was nicht



Was drei Monate Sport im Gehirn verändern – und was nicht auf sciblog.at

Sport gilt inzwischen fast als Universalrezept für das Gehirn. Regelmäßige Bewegung soll die Stimmung verbessern, das Gedächtnis stärken, das Risiko für kognitiven Abbau senken und möglicherweise sogar die Bildung neuer Nervenzellen fördern. Viele dieser Aussagen beruhen auf Beobachtungsstudien oder Untersuchungen mit älteren Menschen. Weniger gut erforscht ist dagegen, was bei gesunden Menschen im mittleren Lebensalter tatsächlich passiert, wenn sie gezielt mit regelmäßigem Training beginnen.

Genau diese Lücke sollte die NeuroFit-Studie schließen. In einer randomisierten kontrollierten Untersuchung absolvierten zuvor wenig aktive Menschen zwischen 45 und 65 Jahren drei Monate lang ein strukturiertes Trainingsprogramm. Anschließend untersuchten die Forscher nicht nur Stimmung und Denkleistung, sondern auch Blutwerte und die Wirkung des Blutes auf menschliche neuronale Vorläuferzellen im Labor.

Das Ergebnis ist differenzierter als die häufige Aussage „Sport macht schlauer“. Die Stimmung der Teilnehmer verbesserte sich messbar. Beim wichtigsten untersuchten kognitiven Test fanden die Forscher dagegen keinen statistisch signifikanten Vorteil.

Gleichzeitig veränderte das Training offenbar die Zusammensetzung des Blutes so, dass sich das Verhalten neuronaler Vorläuferzellen im Labor veränderte. Die Studie zeigt damit möglicherweise, dass verschiedene Auswirkungen von Bewegung auf Körper und Gehirn auf unterschiedlichen Zeitskalen auftreten.

Das mittlere Lebensalter könnte für das Gehirn besonders wichtig sein

Viele Untersuchungen zur Gehirnalterung konzentrieren sich entweder auf junge Erwachsene oder auf ältere Menschen, bei denen bereits erste kognitive Veränderungen auftreten.

Dabei könnte gerade das mittlere Lebensalter entscheidend sein.

Zwischen ungefähr 40 und 65 Jahren verändern sich zahlreiche körperliche und psychische Faktoren. Bewegungsmangel nimmt bei vielen Menschen zu, berufliche und familiäre Belastungen können hoch sein, und gleichzeitig beginnen im Gehirn allmählich strukturelle Veränderungen, die erst Jahrzehnte später deutlich bemerkbar werden.

Der Hippocampus spielt dabei eine besondere Rolle.

Diese tief im Gehirn liegende Struktur ist unter anderem an Lernen, räumlicher Orientierung und Gedächtnis beteiligt. Gleichzeitig reagiert der Hippocampus empfindlich auf Alterungsprozesse.

Frühere Studien haben Hinweise darauf geliefert, dass Bewegung den Hippocampus beeinflussen kann. Unter anderem wurden Zusammenhänge mit dessen Volumen, Durchblutung und bestimmten Gedächtnisleistungen beobachtet.

Doch daraus ergibt sich noch nicht automatisch, dass bereits wenige Monate Training bei gesunden Menschen mittleren Alters messbare Verbesserungen der Denkleistung hervorrufen.

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52 zuvor wenig aktive Erwachsene nahmen teil

Für die NeuroFit-Studie wurden gesunde Erwachsene zwischen 45 und 65 Jahren in Großbritannien rekrutiert.

Eine wichtige Voraussetzung war, dass sie zuvor vergleichsweise wenig körperlich aktiv waren. Die Teilnehmer sollten weniger als 90 Minuten körperliche Aktivität pro Woche ausüben.

Auch beim Körpergewicht wurden Grenzen gesetzt. Der Body-Mass-Index musste zwischen 20 und 30 liegen.

Nach dem Auswahlverfahren nahmen schließlich 52 Menschen an der randomisierten Studie teil.

27 wurden der Trainingsgruppe zugeteilt, 25 der Kontrollgruppe.

Die Kontrollgruppe sollte ihren normalen Alltag unverändert fortsetzen.

Die Trainingsgruppe absolvierte dagegen zwölf Wochen lang dreimal pro Woche jeweils 30 Minuten strukturierte Online-Gruppentrainings.

Damit war die Intervention erstaunlich alltagstauglich. Die Teilnehmer mussten weder täglich trainieren noch ein Fitnessstudio besuchen.

Dreimal 30 Minuten Training pro Woche

Das Trainingsprogramm bestand aus drei unterschiedlichen Einheiten.

Einmal pro Woche stand ein intensiveres Ausdauertraining auf dem Programm.

Eine weitere Einheit konzentrierte sich auf Krafttraining.

Die dritte Einheit kombinierte Ausdauerübungen mit statischen Kraftübungen.

Das Training orientierte sich an einem Tabata- beziehungsweise Intervallformat und wurde live von Trainern über das Internet angeleitet.

Damit umfasste das gesamte Programm nur etwa 90 Minuten Training pro Woche.

Die Teilnehmer hielten sich offenbar relativ gut daran. Im Durchschnitt nahmen sie an rund 86 Prozent der vorgesehenen Trainingseinheiten teil.

Das ist für eine Interventionsstudie bemerkenswert, denn ein häufiges Problem solcher Untersuchungen besteht darin, dass Teilnehmer das vorgegebene Training nicht konsequent durchführen.

Die Forscher konnten außerdem bestätigen, dass die körperliche Aktivität in der Trainingsgruppe im Verlauf der zwölf Wochen tatsächlich zunahm.

Der wichtigste Test untersuchte nicht einfach das Gedächtnis

Als primären Endpunkt wählten die Wissenschaftler eine spezielle Form der Gedächtnisleistung: die sogenannte Mustertrennung oder „Pattern Separation“.

Damit bezeichnet man die Fähigkeit des Gehirns, sehr ähnliche Erinnerungen voneinander zu unterscheiden.

Ein einfaches Beispiel wäre ein Parkplatz.

Wer sein Auto jeden Tag in derselben Parkgarage abstellt, erlebt viele sehr ähnliche Situationen. Trotzdem muss sich das Gehirn merken können, dass das Auto heute beispielsweise in Reihe vier und gestern in Reihe fünf stand.

Ohne funktionierende Mustertrennung würden ähnliche Erinnerungen stärker miteinander verschwimmen.

Der Hippocampus und insbesondere eine Region namens Gyrus dentatus spielen bei diesem Prozess eine wichtige Rolle.

Aus Tierexperimenten und anderen Untersuchungen gibt es außerdem Hinweise darauf, dass die Bildung neuer Nervenzellen im erwachsenen Hippocampus mit dieser Fähigkeit zusammenhängen könnte.

Deshalb eignete sich die Mustertrennung besonders gut als Test für die Hypothese der Forscher.

Nach drei Monaten wurde die Denkleistung nicht besser

Genau an diesem wichtigsten Endpunkt enttäuschte das Training jedoch die Erwartungen.

Nach zwölf Wochen zeigte sich zwischen Trainings- und Kontrollgruppe kein statistisch signifikanter Unterschied bei der Mustertrennung.

Der errechnete Effekt lag bei einem Beta-Wert von 0,33, der p-Wert bei 0,26.

Damit war das Ergebnis deutlich von der üblichen Schwelle für statistische Signifikanz entfernt.

Auch bei anderen untersuchten kognitiven Leistungen fanden die Forscher keine überzeugenden Verbesserungen durch das Training.

Das ist ein wichtiges Ergebnis.

Wäre nur eine Pressemitteilung über die positiven Effekte der Bewegung erschienen, könnte leicht der Eindruck entstehen, drei Monate Sport hätten das Gehirn der Teilnehmer messbar leistungsfähiger gemacht.

Genau das zeigte die Studie jedoch nicht.

Ein negatives Ergebnis ist wissenschaftlich wertvoll

Dass der wichtigste vorher festgelegte Studienendpunkt negativ ausfiel, macht die Untersuchung nicht wertlos.

Im Gegenteil.

Gerade randomisierte Studien sind besonders wichtig, wenn populäre Annahmen überprüft werden sollen.

Beobachtungsstudien finden häufig, dass körperlich aktive Menschen im Durchschnitt bessere kognitive Leistungen besitzen als weniger aktive Menschen.

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Bewegung allein die Ursache dafür ist.

Sportliche Menschen können sich gleichzeitig bei Ernährung, Bildung, Einkommen, Gesundheitszustand, Schlaf oder sozialen Aktivitäten unterscheiden.

Eine randomisierte Studie versucht solche Unterschiede auszugleichen, indem Teilnehmer zufällig verschiedenen Gruppen zugeordnet werden.

Wenn sich nach drei Monaten kein messbarer kognitiver Vorteil zeigt, ist das daher eine relevante Information.

Es könnte bedeuten, dass dieser Effekt kleiner ist als häufig angenommen, dass drei Monate zu kurz sind oder dass die verwendeten Tests Veränderungen in dieser Zeitspanne nicht erfassen konnten.

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Bei der Stimmung zeigte sich dagegen ein Unterschied

Während sich die Mustertrennung nicht signifikant verbesserte, zeigte sich bei depressiven Symptomen ein anderes Bild.

Die Forscher verwendeten dafür den PHQ-9.

Dieser Fragebogen erfasst typische Symptome einer Depression, darunter gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Schlafprobleme, Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten.

In der Trainingsgruppe gingen die entsprechenden Werte im Vergleich zur Kontrollgruppe stärker zurück.

Der statistische Effekt blieb auch nach einer Korrektur für mehrere Vergleiche signifikant.

Damit liefert die Studie einen weiteren Hinweis darauf, dass körperliche Aktivität relativ schnell Auswirkungen auf Stimmung und Wohlbefinden haben kann.

Wichtig ist allerdings, die Größenordnung nicht zu überinterpretieren.

Die Teilnehmer waren gesunde Menschen und wurden nicht wegen einer diagnostizierten Depression behandelt.

Die Studie zeigt daher nicht, dass dieses Trainingsprogramm eine Depression ersetzt oder genauso wirksam wie eine Therapie wäre.

Sie zeigt lediglich, dass depressive Symptome innerhalb von zwölf Wochen messbar zurückgingen.

Stimmung könnte schneller reagieren als Gedächtnisleistung

Die Forscher schlagen deshalb ein interessantes Modell vor.

Verschiedene Auswirkungen von Sport könnten zeitlich nacheinander auftreten.

Psychische Effekte wie bessere Stimmung könnten vergleichsweise schnell entstehen.

Das wäre plausibel, weil dafür zahlreiche Mechanismen infrage kommen.

Bewegung beeinflusst Stressreaktionen, Schlaf, Hormone und verschiedene Botenstoffe. Gleichzeitig können regelmäßige Trainingstermine Struktur in den Alltag bringen.

Hinzu kommt im Fall der NeuroFit-Studie der soziale Faktor.

Die Teilnehmer trainierten live in Gruppen. Auch wenn die Einheiten online stattfanden, handelte es sich nicht um vollkommen isoliertes Training.

Das Gefühl, regelmäßig gemeinsam mit anderen aktiv zu sein, könnte ebenfalls zum psychischen Effekt beigetragen haben.

Strukturelle Veränderungen des Gehirns oder deutliche Verbesserungen komplexer Gedächtnisleistungen könnten dagegen wesentlich länger benötigen.

Das Blut der Teilnehmer wurde auf Nervenzellen gegeben

Der ungewöhnlichste Teil der Studie fand allerdings nicht im Fitnessraum und auch nicht in einem Gehirnscanner statt.

Die Wissenschaftler nahmen den Teilnehmern Blut ab und verwendeten daraus gewonnenes Serum anschließend für Zellkulturexperimente.

Im Labor wurden menschliche neuronale Vorläuferzellen untersucht.

Dabei handelt es sich um Zellen, aus denen sich unter geeigneten Bedingungen Nervenzellen entwickeln können.

Die Forscher wollten wissen, ob Substanzen im Blut nach drei Monaten Training das Verhalten solcher Zellen verändern.

Dieses Verfahren wird gelegentlich als In-vitro-Parabiose bezeichnet.

Der Begriff orientiert sich an Tierexperimenten, bei denen der Blutkreislauf zweier Tiere miteinander verbunden wird. Hier geschieht jedoch nichts Vergleichbares am Menschen. Stattdessen werden lediglich Bestandteile des menschlichen Blutes auf Zellen im Labor gegeben.

Dadurch lässt sich untersuchen, ob sich die Umgebung im Blut durch Training so verändert hat, dass Zellen darauf reagieren.

Sport veränderte offenbar die biologische Umgebung im Blut

Bei diesen Versuchen fanden die Forscher tatsächlich einen Unterschied.

Serum aus der Trainingsgruppe führte nach zwölf Wochen zu einer Veränderung der Proliferation der untersuchten neuronalen Vorläuferzellen.

Der Anteil proliferierender Zellen ging statistisch signifikant zurück.

Auf den ersten Blick könnte das überraschend erscheinen. Wenn Bewegung die Neurogenese fördern soll, müsste man vielleicht erwarten, dass sich mehr Vorläuferzellen teilen.

So einfach funktioniert die Entwicklung von Nervenzellen jedoch nicht.

Eine geringere Proliferation kann beispielsweise damit zusammenhängen, dass sich Zellen stärker aus einem teilungsaktiven Zustand herausbewegen und in Richtung Differenzierung entwickeln.

Die Forscher interpretieren das Ergebnis deshalb vorsichtig als Hinweis darauf, dass körperliche Aktivität die im Blut zirkulierenden Faktoren verändert und dadurch die Biologie hippocampaler Vorläuferzellen beeinflussen könnte.

Daraus folgt nicht, dass im Gehirn neue Nervenzellen entstanden sind

Gerade dieser Teil der Studie lässt sich leicht missverstehen.

Die Wissenschaftler haben nicht direkt nachgewiesen, dass im Gehirn der Teilnehmer durch das Training mehr neue Nervenzellen entstanden.

Untersucht wurden Zellen in einer Laborschale.

Diese Zellen wurden mit Serum der Teilnehmer behandelt.

Das Experiment zeigt damit, dass sich die chemische Umgebung des Blutes verändert haben könnte und dass diese Veränderungen Auswirkungen auf neuronale Vorläuferzellen besitzen.

Ob dieselben Vorgänge im lebenden menschlichen Gehirn stattfinden, lässt sich daraus nicht direkt ableiten.

Zwischen Blut und Gehirngewebe liegt unter anderem die Blut-Hirn-Schranke, die den Austausch vieler Substanzen reguliert.

Auch die Umgebung einer Zelle im menschlichen Hippocampus ist erheblich komplexer als eine Zellkultur.

Die Autoren sprechen deshalb ausdrücklich von einem translationalen Modell und nicht von einem direkten Nachweis menschlicher Neurogenese.

Neue Nervenzellen im erwachsenen Gehirn sind ohnehin ein schwieriges Forschungsgebiet

Die Frage, ob und in welchem Umfang im erwachsenen menschlichen Hippocampus neue Nervenzellen entstehen, beschäftigt die Neurowissenschaft seit Jahrzehnten.

Bei Nagetieren ist adulte Neurogenese gut dokumentiert.

Beim Menschen ist die Situation komplizierter.

Einige Untersuchungen fanden Hinweise auf die Bildung neuer Nervenzellen bis ins hohe Alter. Andere Studien kamen zu deutlich niedrigeren Schätzungen oder stellten infrage, wie häufig dieser Prozess tatsächlich stattfindet.

Ein Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse liegt in der Methodik.

Man kann beim lebenden Menschen nicht einfach beobachten, wie einzelne neue Nervenzellen im Hippocampus entstehen.

Viele Erkenntnisse stammen daher aus postmortalem Gewebe, Biomarkern oder indirekten Modellen.

Genau deshalb ist der Ansatz der NeuroFit-Studie interessant: Er versucht, eine mögliche biologische Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und neuronalen Vorläuferzellen experimentell zu untersuchen.

Er löst die grundsätzliche Debatte um menschliche Neurogenese aber nicht.

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Im Blut fanden sich keine einfachen Wunder-Biomarker

Neben den Zellversuchen untersuchten die Wissenschaftler auch verschiedene Blutmarker und klinische Parameter.

Hier zeigte sich kein spektakuläres Muster.

Bei den meisten sekundären klinischen und blutbasierten Messungen entstanden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Beim Körperfett deutete sich zwar eine Verbesserung an, diese hielt der statistischen Korrektur für Mehrfachvergleiche jedoch nicht stand.

Auch das ist wichtig.

Sport verändert den Organismus nicht zwangsläufig so, dass nach wenigen Wochen bei jedem beliebigen Biomarker deutliche Unterschiede sichtbar werden.

Die Ergebnisse sprechen eher für ein komplexes Zusammenspiel vieler kleiner Veränderungen.

Drei Monate könnten schlicht zu kurz sein

Eine der naheliegendsten Erklärungen für die fehlenden kognitiven Effekte ist die Dauer der Studie.

Zwölf Wochen reichen aus, um Fitness, Stimmung oder bestimmte Stoffwechselparameter zu beeinflussen.

Veränderungen neuronaler Netzwerke könnten dagegen wesentlich länger benötigen.

Auch andere Trainingsstudien, die strukturelle Veränderungen des Hippocampus fanden, liefen teilweise deutlich länger.

Die Autoren vermuten deshalb, dass sich eine mögliche Wirkung zeitlich in mehreren Phasen entwickeln könnte.

Zunächst könnten sich psychologische Faktoren verändern.

Danach folgen möglicherweise systemische biologische Anpassungen, beispielsweise Veränderungen der im Blut zirkulierenden Moleküle.

Erst bei längerer Trainingsdauer könnten daraus messbare Veränderungen der Gehirnfunktion entstehen.

Diese Erklärung ist plausibel, wurde durch die Studie aber noch nicht bewiesen.

Dazu müsste das Experiment mit längerer Trainingsdauer wiederholt werden.

Gesunde Menschen lassen weniger Raum für Verbesserungen

Hinzu kommt ein weiteres Problem.

Die Teilnehmer waren zwar körperlich eher inaktiv, ansonsten jedoch gesund.

Ihre kognitive Leistung war zu Beginn nicht krankhaft eingeschränkt.

Wenn jemand bereits normale oder gute Werte erreicht, ist es statistisch schwieriger, innerhalb kurzer Zeit deutliche Verbesserungen nachzuweisen.

Dieses Phänomen wird manchmal als Deckeneffekt bezeichnet.

Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung könnten Veränderungen möglicherweise leichter messbar sein.

Andererseits wäre dann eine direkte Übertragung der Ergebnisse auf gesunde Erwachsene wiederum schwieriger.

Die NeuroFit-Studie liefert deshalb bewusst Informationen über eine relativ spezifische Gruppe: körperlich wenig aktive, ansonsten gesunde Menschen mittleren Alters.

52 Teilnehmer sind für manche Fragen wenig

Eine weitere Einschränkung ist die Größe der Studie.

52 Teilnehmer sind ausreichend, um größere Effekte zu entdecken.

Für kleine Unterschiede wird die statistische Unsicherheit jedoch erheblich.

Das gilt besonders für sekundäre Endpunkte und Untergruppenanalysen.

Auch deshalb sollte aus dem fehlenden Effekt auf die Mustertrennung nicht geschlossen werden, dass Bewegung keinerlei Einfluss auf die Kognition besitzt.

Die Studie konnte lediglich keinen ausreichend deutlichen Unterschied innerhalb der untersuchten Gruppe und des zwölfwöchigen Zeitraums nachweisen.

Ein kleiner Effekt könnte vorhanden sein und in einer größeren Untersuchung sichtbar werden.

Ebenso könnten längere Trainingsprogramme andere Ergebnisse liefern.

Online-Training funktionierte überraschend gut

Praktisch interessant ist ein Aspekt, der mit Gehirnforschung zunächst wenig zu tun hat.

Das Training fand online statt.

Trotzdem lag die durchschnittliche Teilnahmequote bei rund 86 Prozent.

Das spricht dafür, dass ein strukturiertes, live angeleitetes Bewegungsprogramm auch ohne Fitnessstudio gut funktionieren kann.

Gerade für Menschen im mittleren Lebensalter könnte das wichtig sein.

Beruf, Familie und andere Verpflichtungen werden häufig als Gründe genannt, warum regelmäßiger Sport schwierig in den Alltag zu integrieren ist.

Eine halbe Stunde Training zuhause, dreimal pro Woche, stellt eine vergleichsweise niedrige organisatorische Hürde dar.

Dass sich bereits bei diesem Umfang ein Effekt auf depressive Symptome zeigte, macht diesen Teil des Ergebnisses besonders interessant.

Sport muss nicht schlauer machen, um wertvoll zu sein

Die Studie zeigt auch ein grundsätzliches Problem der öffentlichen Diskussion über Bewegung.

Sport wird häufig mit immer neuen möglichen Vorteilen beworben.

Er soll vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, Gewicht reduzieren, Muskeln aufbauen, den Schlaf verbessern, Depressionen lindern, Demenz verhindern und gleichzeitig das Gedächtnis steigern.

Dabei entsteht leicht der Eindruck, jede einzelne Trainingseinheit müsse unmittelbar messbare Verbesserungen in sämtlichen Bereichen des Körpers hervorrufen.

So funktioniert Biologie nicht.

Unterschiedliche Organe reagieren unterschiedlich schnell.

Ein Effekt kann groß, klein oder in bestimmten Situationen gar nicht messbar sein.

Dass die NeuroFit-Studie beim wichtigsten kognitiven Test kein positives Ergebnis fand, macht die nachgewiesene Verbesserung der Stimmung deshalb nicht weniger relevant.

Im Gegenteil: Es hilft dabei, die tatsächlichen Auswirkungen von Bewegung genauer voneinander zu unterscheiden.

Bewegung könnte zuerst den Körper und später das Gehirn verändern

Besonders spannend ist die Kombination der Ergebnisse.

Nach zwölf Wochen war die Stimmung besser.

Gleichzeitig reagierten neuronale Vorläuferzellen im Labor anders auf das Blut der trainierenden Teilnehmer.

Eine messbare Verbesserung der untersuchten Gedächtnisfunktion entstand jedoch nicht.

Das könnte zu einem Modell passen, bei dem regelmäßige Bewegung zunächst Veränderungen im gesamten Körper auslöst.

Muskeln, Stoffwechsel, Hormonsystem und Immunsystem reagieren auf Training. Dadurch verändert sich die Zusammensetzung zahlreicher Moleküle im Blut.

Einige dieser Veränderungen könnten wiederum langfristig das Gehirn beeinflussen.

Bis daraus neue neuronale Strukturen oder bessere Leistungen in anspruchsvollen Gedächtnistests entstehen, könnte deutlich mehr Zeit vergehen.

Ob diese Abfolge tatsächlich existiert, müssen zukünftige Studien zeigen.

Der wichtigste Befund ist vielleicht die zeitliche Reihenfolge

Die NeuroFit-Studie liefert deshalb weniger eine spektakuläre Antwort als eine interessante neue Frage.

Vielleicht ist die Vorstellung falsch, dass alle positiven Auswirkungen von Bewegung gleichzeitig auftreten.

Die Stimmung könnte innerhalb weniger Wochen reagieren.

Systemische biologische Veränderungen könnten etwas später sichtbar werden.

Strukturelle oder funktionelle Veränderungen im Gehirn könnten wiederum Monate oder Jahre benötigen.

Das würde erklären, warum kurzfristige Trainingsstudien gelegentlich widersprüchliche Ergebnisse liefern.

Je nachdem, wann gemessen wird, sehen Forscher möglicherweise unterschiedliche Phasen desselben Anpassungsprozesses.

Für endgültige Aussagen ist die NeuroFit-Studie mit 52 Teilnehmern zu klein.

Als experimenteller Hinweis ist sie jedoch bemerkenswert.

Drei Monate Training waren kein Intelligenz-Booster

Wer aus der Studie eine einfache Botschaft mitnehmen möchte, sollte deshalb gerade die negativen Ergebnisse ernst nehmen.

Dreimal 30 Minuten Sport pro Woche machten gesunde Menschen mittleren Alters innerhalb von drei Monaten nicht messbar besser in der untersuchten hippocampusabhängigen Gedächtnisaufgabe.

Das Training war also kein kurzfristiger Intelligenz- oder Gedächtnis-Booster.

Trotzdem verbesserten sich depressive Symptome, und im Labor ließen sich biologische Veränderungen nachweisen, die mit der Umgebung neuronaler Vorläuferzellen zusammenhängen.

Vielleicht liegt genau darin die spannendere Erkenntnis.

Bewegung wirkt nicht wie ein Schalter, der das Gehirn nach zwölf Wochen einfach auf eine höhere Leistungsstufe stellt.

Der Körper scheint vielmehr auf vielen Ebenen gleichzeitig zu reagieren – und manche dieser Veränderungen werden früher sichtbar als andere. Mehr dazu finden Sie hier.

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