Einsamkeit ist kein rein persönliches Gefühl. Sie kann über Jahre hinweg Gesundheit, Wohlbefinden und Alltag beeinflussen und betrifft keineswegs nur Menschen, die tatsächlich allein leben. Entscheidend ist vielmehr, ob die vorhandenen sozialen Kontakte den eigenen Bedürfnissen entsprechen.
Medizinisch lässt sich Einsamkeit nur schwer behandeln. Sie ist keine Krankheit, für die einfach ein Medikament verschrieben werden kann. Genau deshalb gewinnt ein Konzept zunehmend an Aufmerksamkeit, das im deutschsprachigen Raum bislang vergleichsweise wenig bekannt ist: Social Prescribing.
Dabei werden Menschen nicht nur medizinisch versorgt, sondern gezielt an soziale Angebote, Gruppen oder Aktivitäten vermittelt. Eine aktuelle randomisierte Studie aus Barcelona ging noch einen Schritt weiter. Sie verband dieses Konzept mit Aufenthalten in der Natur.
320 einsame Erwachsene aus sozial benachteiligten Stadtteilen nahmen an der Untersuchung teil. Eine Hälfte erhielt ein neunwöchiges, begleitetes Gruppenprogramm mit Aktivitäten im Grünen. Die andere Hälfte bekam gezielte Empfehlungen für passende naturbezogene Aktivitäten, nahm aber nicht an dem strukturierten Gruppenprogramm teil.
Nach drei Monaten war die Einsamkeit in beiden Gruppen deutlich gesunken. Die intensive Gruppenintervention war insgesamt jedoch nicht signifikant erfolgreicher als die wesentlich einfachere Vermittlung von Aktivitäten.
Das macht das Ergebnis wissenschaftlich besonders interessant.
Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein
Menschen können allein leben und sich trotzdem sozial gut eingebunden fühlen.
Umgekehrt kann jemand täglich Kollegen, Familienmitglieder oder andere Menschen treffen und dennoch einsam sein.
Einsamkeit beschreibt deshalb vor allem die wahrgenommene Differenz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Ein Mensch mit wenigen Kontakten benötigt nicht zwangsläufig Hilfe, solange diese Situation seinen Bedürfnissen entspricht.
Problematisch wird es, wenn soziale Beziehungen fehlen, als unzureichend erlebt werden oder keine ausreichende emotionale Nähe bieten.
Länger anhaltende Einsamkeit wird mit einer Reihe gesundheitlicher Probleme in Verbindung gebracht. Dazu gehören unter anderem depressive Symptome, schlechterer Schlaf und eine geringere Lebensqualität.
Dabei handelt es sich häufig um gegenseitige Verstärkungen.
Wer psychisch oder körperlich belastet ist, zieht sich möglicherweise stärker zurück. Weniger soziale Kontakte können wiederum das Wohlbefinden zusätzlich verschlechtern.
Ein Rezept muss nicht immer ein Medikament sein
Genau hier setzt Social Prescribing an.
Der englische Begriff lässt sich ungefähr mit „soziales Verschreiben“ übersetzen.
Die Grundidee ist vergleichsweise einfach.
Menschen suchen wegen gesundheitlicher oder psychosozialer Probleme eine medizinische oder soziale Einrichtung auf. Nicht jedes Problem lässt sich jedoch mit einer klassischen medizinischen Behandlung lösen.
Stattdessen können Betroffene an Angebote in ihrer Umgebung vermittelt werden.
Das können Sportgruppen, Kunstangebote, gemeinschaftliches Gärtnern, Gesprächsgruppen, Ehrenamt oder andere soziale Aktivitäten sein.
Entscheidend ist, dass nicht einfach der allgemeine Rat gegeben wird, „mehr unter Leute zu gehen“.
Die Vermittlung soll strukturiert erfolgen und möglichst zu den Interessen, Bedürfnissen und Möglichkeiten der jeweiligen Person passen.
Naturbezogenes Social Prescribing ergänzt dieses Konzept um einen weiteren Baustein.
Die sozialen Aktivitäten finden zumindest teilweise im Freien beziehungsweise in naturnahen Umgebungen statt.
Warum gerade Natur?
Die Idee klingt zunächst beinahe zu einfach.
Wer einsam ist, soll mit anderen Menschen in einen Park gehen.
Hinter diesem Ansatz stehen jedoch mehrere mögliche Mechanismen.
Natur kann einen neutralen sozialen Raum schaffen.
Für manche Menschen ist es unangenehm, sich mit einer Gruppe fremder Personen ausschließlich zum Gespräch zusammenzusetzen. Eine gemeinsame Aktivität nimmt einen Teil dieses sozialen Drucks weg.
Man kann gemeinsam gehen, einen Garten besuchen oder sich mit der Umgebung beschäftigen.
Gespräche entstehen dabei eher nebenbei.
Gleichzeitig kann Natur körperliche Aktivität fördern und eine Umgebung bieten, die sich vom normalen Alltag unterscheidet.
Frühere Studien haben zudem Zusammenhänge zwischen Aufenthalten im Grünen und besserem psychischem Wohlbefinden gefunden.
Diese Faktoren könnten sich gegenseitig verstärken.
Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob ein solches Programm bei einsamen Menschen tatsächlich einen messbaren Unterschied verursacht.
320 Menschen aus Barcelona nahmen teil
Die RECETAS-BCN-Studie wurde in zwölf sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen im Großraum Barcelona durchgeführt.
Teilnehmen konnten Erwachsene, die Einsamkeit erlebten.
Zwischen Januar 2023 und Juni 2024 wurden 411 Menschen auf ihre Eignung untersucht.
Schließlich wurden 320 Teilnehmer zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt.
Das mittlere Alter lag bei ungefähr 63 Jahren.
Rund 80 Prozent der Teilnehmer waren Frauen.
Die Untersuchung umfasste allerdings einen breiten Altersbereich von 18 bis 80 Jahren.
Viele Teilnehmer lebten gleichzeitig mit weiteren sozialen oder gesundheitlichen Belastungen. Dazu gehörten beispielsweise finanzielle Probleme, schwierige Wohnsituationen, Migrationserfahrungen oder gesundheitliche Einschränkungen.
Damit untersuchte die Studie nicht einfach eine Gruppe gesunder Freiwilliger, die etwas mehr Gesellschaft suchten.
Es handelte sich um Menschen, bei denen Einsamkeit teilweise mit anderen Problemen des Lebens verbunden war.

Eine Gruppe bekam neun Wochen intensive Begleitung
160 Teilnehmer wurden dem eigentlichen „Friends in Nature“-Programm zugeteilt.
Sie trafen sich neun Wochen lang einmal pro Woche.
Die Gruppen bestanden normalerweise aus acht bis zehn Personen und wurden von zwei ausgebildeten Begleitern betreut.
Jede Sitzung dauerte ungefähr zwei Stunden.
Vor Beginn fand zusätzlich ein persönliches Gespräch mit den Teilnehmern statt.
Die Treffen kombinierten soziale Gruppenarbeit mit Aktivitäten in der Natur.
Welche Orte besucht wurden, konnte sich je nach Gruppe unterscheiden.
Zu den Möglichkeiten gehörten beispielsweise Parks, Gärten, Flussufer, Küstenbereiche sowie kulturell oder historisch interessante Orte im Freien.
Die Teilnehmer sollten dabei nicht lediglich passiv einem vorgegebenen Programm folgen.
Ein Bestandteil des Konzepts bestand darin, die Gruppe schrittweise dabei zu unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen und soziale Kontakte möglichst selbstständig weiterzuführen.
Auch die Kontrollgruppe erhielt echte Hilfe
Besonders wichtig für die Interpretation ist die Kontrollgruppe.
Sie war keine klassische Gruppe, in der einfach gar nichts geschah.
Auch diese 160 Teilnehmer erhielten Unterstützung.
Ihnen wurden passende naturbezogene Aktivitäten vermittelt.
Sie bekamen Informationen darüber, welche Angebote in ihrer Umgebung verfügbar waren und wie sie daran teilnehmen konnten.
Dieser Ansatz wird als „active signposting“ bezeichnet.
Das ist methodisch entscheidend.
Die Studie verglich deshalb nicht „Behandlung gegen nichts“.
Sie verglich zwei unterschiedliche Formen naturbezogenen Social Prescribings.
Auf der einen Seite stand ein intensives, neunwöchiges Gruppenprogramm mit professioneller Begleitung.
Auf der anderen Seite stand eine wesentlich weniger aufwendige gezielte Vermittlung in bereits vorhandene Angebote.
Nach drei Monaten war die Einsamkeit in beiden Gruppen geringer
Der wichtigste Messzeitpunkt lag drei Monate nach Beginn der Studie.
Die Forscher verwendeten zur Erfassung der Einsamkeit die De-Jong-Gierveld-Skala.
Dieses wissenschaftlich etablierte Instrument enthält Fragen zur emotionalen und sozialen Einsamkeit.
Über beide Gruppen hinweg sank die Einsamkeit nach drei Monaten im Durchschnitt um etwa 10,5 Prozent.
Das war ein statistisch signifikanter Rückgang.
Zunächst klingt das nach einem deutlichen Erfolg für das Friends-in-Nature-Programm.
Der entscheidende Vergleich ist jedoch ein anderer.
Die Forscher mussten prüfen, ob die Menschen in der intensiven Gruppenintervention stärker profitierten als die Teilnehmer, die lediglich gezielt an naturbezogene Aktivitäten vermittelt wurden.
Dieser Unterschied war nicht statistisch signifikant.
Die einfachere Variante schnitt überraschend gut ab
Genau darin liegt einer der interessantesten Befunde.
Die aufwendigere Intervention beinhaltete persönliche Gespräche, professionelle Gruppenbegleitung und neun strukturierte Treffen.
Man hätte deshalb erwarten können, dass sie der einfachen Vermittlung deutlich überlegen ist.
Das war im Gesamtergebnis nicht der Fall.
Beide Gruppen verbesserten sich.
Das kann mehrere Bedeutungen haben.
Eine Möglichkeit besteht darin, dass bereits der Schritt, Menschen gezielt auf passende Aktivitäten hinzuweisen, einen relevanten Unterschied macht.
Vielleicht fehlt manchen einsamen Menschen weniger der Wunsch nach Kontakten als ein konkreter Einstieg.
Wer nicht weiß, welche Angebote existieren, wohin er gehen soll oder ob er dort willkommen ist, bleibt möglicherweise zuhause.
Eine konkrete Empfehlung kann diese Hürde reduzieren.
Das wäre gesundheitspolitisch relevant, weil eine solche Vermittlung wesentlich weniger Ressourcen benötigt als ein betreutes Wochenprogramm.
Die Einsamkeit sank auch nach dem Programm weiter
Die Forscher beobachteten die Teilnehmer nicht nur drei Monate lang.
Weitere Messungen fanden nach sechs und zwölf Monaten statt.
Dabei zeigte sich ein bemerkenswertes Muster.
Die Verringerung der Einsamkeit blieb nicht nur erhalten.
Sie nahm im Verlauf des Jahres sogar weiter zu.
Nach zwölf Monaten lag die durchschnittliche Reduktion über beide Gruppen hinweg bei etwa 16,8 Prozent.
Das spricht zumindest gegen die Vorstellung, dass die Wirkung unmittelbar nach Ende des Programms wieder verschwindet.
Eine mögliche Erklärung wäre, dass Teilnehmer neue Aktivitäten und Kontakte tatsächlich weiterführten.
Die Studie kann allerdings nicht für jeden einzelnen Teilnehmer genau zeigen, welche späteren Kontakte für die Veränderung verantwortlich waren.

Bei besonders belasteten Menschen sah das Ergebnis anders aus
Das Gesamtergebnis bedeutet allerdings nicht, dass das intensive Gruppenprogramm überflüssig war.
Die Forscher untersuchten, ob bestimmte Ausgangsmerkmale beeinflussten, wie stark Teilnehmer auf die Intervention reagierten.
Dabei fanden sie einen bedeutsamen Unterschied.
Menschen, die zu Beginn besonders einsam waren und gleichzeitig ein geringeres emotionales Wohlbefinden aufwiesen, profitierten stärker von der begleiteten Friends-in-Nature-Gruppe als vom einfachen Signposting.
Das ergibt auch praktisch Sinn.
Menschen mit moderater Einsamkeit und relativ stabiler psychischer Situation benötigen möglicherweise nur einen Anstoß.
Eine Information über geeignete Aktivitäten könnte genügen, damit sie selbst Kontakte aufbauen.
Wer dagegen bereits stark isoliert und emotional belastet ist, könnte deutlich mehr Unterstützung benötigen.
In diesem Fall können feste Termine, dieselbe Gruppe und professionelle Begleiter helfen, die ersten sozialen Hürden zu überwinden.
Nicht jeder einsame Mensch braucht dieselbe Hilfe
Damit liefert die Studie möglicherweise ein Argument gegen standardisierte Programme für alle Betroffenen.
Einsamkeit kann völlig unterschiedliche Ursachen besitzen.
Ein neu zugezogener Mensch hat möglicherweise schlicht noch kein soziales Netzwerk.
Ein anderer hat nach dem Tod seines Partners seine wichtigste Bezugsperson verloren.
Bei einer dritten Person können Depressionen, körperliche Einschränkungen oder soziale Ängste eine Rolle spielen.
Entsprechend unterschiedlich dürfte auch der notwendige Unterstützungsbedarf sein.
Für manche Menschen reicht möglicherweise eine gute Information darüber, wo passende Kontakte möglich sind.
Andere benötigen zunächst eine strukturierte Umgebung, in der soziale Beziehungen langsam entstehen können.
Social Prescribing könnte deshalb besonders dann sinnvoll sein, wenn nicht einfach ein einheitliches Programm verschrieben wird, sondern zunächst geklärt wird, welche Barriere eigentlich besteht.
Die Lebensqualität verbesserte sich nicht messbar
Bei einem anderen wichtigen Endpunkt waren die Ergebnisse weniger positiv.
Die Forscher untersuchten zusätzlich die gesundheitsbezogene Lebensqualität.
Dafür verwendeten sie den sogenannten 15D-Fragebogen.
Er erfasst verschiedene Bereiche wie Mobilität, Schlaf, mentale Funktionen, Beschwerden und soziale Teilhabe.
Hier fanden die Forscher keine signifikante Verbesserung.
Auch zwischen den beiden Gruppen entstand kein relevanter Unterschied.
Das zeigt, dass eine Verringerung von Einsamkeit nicht automatisch innerhalb weniger Monate zu einer messbaren Verbesserung der allgemeinen gesundheitlichen Lebensqualität führt.
Das ist nicht unbedingt überraschend.
Wenn ein Teilnehmer zusätzlich unter chronischen Erkrankungen, finanziellen Schwierigkeiten oder eingeschränkter Mobilität leidet, können neue soziale Kontakte diese Probleme nicht einfach beseitigen.
Die Intervention scheint damit relativ spezifisch gewirkt zu haben.
Die Einsamkeit nahm ab.
Die allgemeine gesundheitliche Situation veränderte sich dagegen nicht deutlich.
Die Gruppenintervention hielt Menschen besser im Programm
Ein weiterer Unterschied fiel bei den frühen Studienabbrüchen auf.
In der begleiteten Interventionsgruppe stiegen rund 14 Prozent der Teilnehmer früh aus.
In der Signposting-Gruppe waren es etwa 28 Prozent.
Damit war die Abbruchrate bei der einfacheren Variante ungefähr doppelt so hoch.
Das könnte einen wichtigen Vorteil betreuter Gruppenprogramme darstellen.
Informationen zu erhalten ist das eine.
Tatsächlich zu einer unbekannten Aktivität zu gehen, ist etwas anderes.
Gerade bei Einsamkeit kann dieser erste Schritt besonders schwierig sein.
Eine feste Gruppe mit bekannten Begleitern schafft dagegen einen verbindlicheren Rahmen.
Auch wenn die Teilnehmer, die im Programm blieben, insgesamt keinen stärkeren durchschnittlichen Rückgang der Einsamkeit zeigten, könnte die intensivere Betreuung somit Menschen erreichen, die bei einer einfachen Empfehlung eher abspringen würden.
Ein verstauchter Knöchel war das einzige registrierte unerwünschte Ereignis
Auch die Sicherheit wurde dokumentiert.
Während der Studie trat in der Interventionsgruppe ein unerwünschtes Ereignis auf.
Eine Teilnehmerin beziehungsweise ein Teilnehmer verstauchte sich während eines Naturspaziergangs den Knöchel.
Schwerwiegende sicherheitsbezogene Probleme wurden nicht berichtet.
Das klingt zunächst nebensächlich, ist für Interventionsstudien jedoch relevant.
Auch vermeintlich harmlose soziale oder naturbezogene Programme besitzen Risiken.
Gerade bei älteren oder körperlich eingeschränkten Menschen müssen Wege, Belastung und Zugänglichkeit berücksichtigt werden.
Dass bei 160 Menschen über das Programm hinweg lediglich ein entsprechendes Ereignis registriert wurde, spricht zumindest dafür, dass die Intervention unter den Studienbedingungen gut durchführbar war.
War es wirklich die Natur?
Eine der spannendsten Fragen kann die Studie allerdings nicht beantworten.
Was genau verursachte den Rückgang der Einsamkeit?
War es der Aufenthalt in Parks und anderen natürlichen Umgebungen?
Waren es die anderen Menschen?
War es die regelmäßige Aktivität?
Oder genügte bereits das Gefühl, dass sich jemand für die soziale Situation der Teilnehmer interessiert?
Da beide Gruppen naturbezogene Angebote erhielten, lässt sich der spezifische Effekt der Natur nicht von allen anderen Komponenten trennen.
Für einen solchen Vergleich wäre eine weitere Kontrollgruppe notwendig gewesen, die beispielsweise dieselben sozialen Aktivitäten ausschließlich in Innenräumen durchführt.
Dann könnte man untersuchen, ob der Aufenthalt im Grünen tatsächlich einen zusätzlichen Vorteil besitzt.
Die aktuelle Studie zeigt deshalb vor allem, dass naturbezogene soziale Vermittlung funktionieren kann.
Sie beweist nicht, dass Bäume oder Parks allein gegen Einsamkeit wirken.
Auch Aufmerksamkeit kann einen Unterschied machen
Ein weiteres Problem vieler sozialer Interventionsstudien ist der sogenannte Hawthorne-Effekt.
Menschen können ihr Verhalten verändern, wenn sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen und beobachtet werden.
Bereits die Aufnahme in ein Forschungsprojekt kann Kontakte schaffen.
Teilnehmer sprechen mit Mitarbeitern, beantworten Fragebögen und beschäftigen sich intensiver mit ihrer eigenen sozialen Situation.
Das könnte einen Teil der Verbesserung erklären.
Genau deshalb ist die aktive Kontrollgruppe der RECETAS-Studie so wichtig.
Beide Gruppen erhielten Aufmerksamkeit und Unterstützung.
Der beobachtete Rückgang lässt sich daher nicht einfach vollständig darauf zurückführen, dass nur die Interventionsgruppe Kontakt zu Forschern hatte.
Trotzdem bleibt offen, wie sich beide Programme gegenüber Menschen entwickelt hätten, die keinerlei zusätzliche Unterstützung erhalten.
80 Prozent der Teilnehmer waren Frauen
Bei der Übertragbarkeit gibt es ebenfalls Einschränkungen.
Vier von fünf Teilnehmern waren Frauen.
Das ist bei Studien zu Einsamkeit nicht ungewöhnlich.
Frauen berichten häufiger offen über Einsamkeit und nehmen eher entsprechende Hilfsangebote wahr.
Das bedeutet jedoch, dass sich aus der Untersuchung weniger sicher ableiten lässt, wie gut das Konzept bei Männern funktioniert.
Gerade ältere Männer gelten teilweise als schwierig erreichbare Zielgruppe für soziale Programme.
Ein Angebot kann theoretisch wirksam sein und trotzdem wenig gesellschaftlichen Nutzen besitzen, wenn gerade die besonders gefährdeten Menschen nicht daran teilnehmen.
Die Gestaltung und Bewerbung solcher Programme könnte deshalb genauso wichtig sein wie ihre eigentliche Wirksamkeit.

Das Programm fand bewusst in benachteiligten Stadtteilen statt
Eine Stärke der Studie ist dagegen die Auswahl der untersuchten Gebiete.
Die Forscher konzentrierten sich gezielt auf sozioökonomisch benachteiligte Stadtteile.
Das ist wichtig, weil soziale Isolation nicht unabhängig von den Lebensbedingungen entsteht.
Wer wenig Geld besitzt, kann an kostenpflichtigen Freizeitangeboten schwerer teilnehmen.
Schlechte Verkehrsanbindungen können Kontakte erschweren.
Unsichere oder wenig attraktive öffentliche Räume können dazu führen, dass Menschen seltener nach draußen gehen.
Auch gesundheitliche Probleme und Wohnbedingungen spielen eine Rolle.
Naturbezogene soziale Angebote können deshalb nur funktionieren, wenn geeignete Räume tatsächlich erreichbar sind.
Ein schöner Park am anderen Ende einer Stadt hilft wenig, wenn ein älterer Mensch ihn nicht erreichen kann.
Natur wird damit Teil der sozialen Infrastruktur
Genau hier verändert sich die Perspektive auf Parks und Grünflächen.
Sie werden nicht mehr ausschließlich als dekorative Elemente einer Stadt betrachtet.
Sie können auch soziale Infrastruktur darstellen.
Ein Park ist kostenlos zugänglich.
Menschen können sich dort aufhalten, ohne etwas kaufen zu müssen.
Er ermöglicht Bewegung und gleichzeitig Begegnung.
Gerade für Menschen mit geringem Einkommen kann dieser Unterschied wichtig sein.
Viele andere soziale Orte sind zunehmend mit Konsum verbunden.
Wer sich in einem Café trifft, benötigt Geld.
Ein Einkaufszentrum ist öffentlich zugänglich, aber letztlich auf Konsum ausgerichtet.
Parks, Grünanlagen und öffentliche Gärten besitzen eine andere Funktion.
Die RECETAS-Studie zeigt damit auch, dass Stadtplanung und Gesundheitspolitik stärker miteinander verbunden sein könnten, als es auf den ersten Blick erscheint.
Social Prescribing könnte Arztpraxen entlasten
Das Konzept besitzt außerdem gesundheitspolitisches Potenzial.
Einsame Menschen suchen möglicherweise häufiger medizinische Einrichtungen auf, obwohl hinter manchen Beschwerden auch soziale Belastungen stehen.
Ein Arzt kann eine fehlende soziale Beziehung jedoch nicht mit einer Tablette behandeln.
Wenn Gesundheits- und Sozialsysteme solche Menschen gezielt an geeignete lokale Angebote weitervermitteln könnten, würde eine zusätzliche Versorgungsmöglichkeit entstehen.
Das bedeutet nicht, dass Social Prescribing medizinische oder psychotherapeutische Behandlung ersetzen sollte.
Depressionen, Angststörungen oder körperliche Erkrankungen benötigen weiterhin professionelle Versorgung.
Aber nicht jedes soziale Problem ist gleichzeitig eine medizinische Erkrankung.
Gerade dort könnte eine strukturierte Vermittlung sinnvoller sein als eine weitere medizinische Untersuchung ohne passende Lösung.
Die teuerste Lösung ist nicht automatisch die beste
Die RECETAS-Studie liefert schließlich eine wichtige Lektion für Präventionsprogramme.
Intensivere Betreuung klingt zunächst automatisch besser.
Mehr Fachpersonal, längere Sitzungen und strukturierte Gruppen wirken überzeugender als ein vergleichsweise einfaches Vermittlungsangebot.
Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass mehr Aufwand nicht zwangsläufig für alle Teilnehmer mehr Nutzen erzeugt.
Für einen Teil der Menschen könnte bereits ein relativ kostengünstiger Anstoß ausreichen.
Andere benötigen dagegen intensive Begleitung.
Das eröffnet die Möglichkeit eines abgestuften Systems.
Menschen mit geringerer Belastung könnten zunächst Informationen und Unterstützung beim Zugang zu lokalen Angeboten erhalten.
Wer damit nicht zurechtkommt oder besonders stark unter Einsamkeit leidet, könnte anschließend in ein intensiver betreutes Programm wechseln.
Ein solches Modell würde Ressourcen dort einsetzen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.
Gegen Einsamkeit könnte manchmal ein konkreter Weg wichtiger sein als ein guter Rat
Menschen, die sich einsam fühlen, hören häufig Ratschläge wie „Geh öfter raus“, „Such dir ein Hobby“ oder „Triff mehr Leute“.
Das Problem besteht darin, dass diese Empfehlungen zwar logisch klingen, praktisch aber wenig helfen.
Wer bereits sozial isoliert ist, muss zuerst wissen, wohin er gehen kann.
Dann muss er sich überwinden, dort allein aufzutauchen.
Er muss mit fremden Menschen Kontakt aufnehmen und möglicherweise mehrere enttäuschende Versuche überstehen.
Social Prescribing versucht genau diese Lücke zwischen Ratschlag und tatsächlicher Handlung zu schließen.
Die RECETAS-Studie aus Barcelona deutet darauf hin, dass bereits diese gezielte Verbindung zu konkreten Möglichkeiten einen Unterschied machen kann.
Natur könnte dafür einen besonders niedrigschwelligen Rahmen bieten.
Die aufwendige Gruppenbegleitung war im Durchschnitt nicht besser als die einfachere Vermittlung.
Für besonders einsame und emotional belastete Menschen könnte sie jedoch genau die zusätzliche Unterstützung liefern, die notwendig ist.
Damit ist das vielleicht wichtigste Ergebnis der Studie nicht, dass ein Spaziergang im Park Einsamkeit heilt.
Es ist die Erkenntnis, dass Einsamkeit sehr unterschiedliche Formen besitzt – und dass wirksame Hilfe möglicherweise damit beginnt, Menschen nicht einfach zu sagen, sie sollten mehr Kontakte haben, sondern ihnen einen konkreten Weg dorthin zu eröffnen. Mehr dazu finden Sie hier.
